Ehemalige Talburg Sankt Goar

Schlagwörter:
Fachsicht(en): Denkmalpflege, Kulturlandschaftspflege
Gemeinde(n): Sankt Goar
Kreis(e): Rhein-Hunsrück-Kreis
Bundesland: Rheinland-Pfalz
Die romanische Talburg in Sankt Goar mit ihren dicken Mauern, starken Gewölben und großen Räumen existierte über Jahrhunderte und wurde bis ins späte 19. Jahrhundert als Gendarmeriekaserne benutzt. Vom Bau der Eisenbahnstrecke Koblenz-Bingen im Jahre 1857 blieb sie noch unberührt. Erst 1909 musste sie dem Bau einer Güterabfertigunghalle weichen. Die Außenwände und eine Sandsteinsäule blieben jedoch erhalten. Die Burg unterlag im Lauf der Jahrhunderte häufigen Um- und Ausbaumaßnahmen und ist in ihrer ursprünglichen Erscheinung, abgesehen von altem Mauerwerk, nicht mehr vorhanden.
Das erhaltene Gebäude zählt zur Denkmalzone „Kernstadt Sankt Goar“.

Baugeschichte
Die ehemalige Talburg, die erste Burg in Sankt Goar, wurde erstmals im Jahr 1219 erwähnt und ist somit älter als die Burg Rheinfels, deren Bau 1245 begonnen wurde. Die zuerst erwähnte Burg kann folglich nur die Burg der Vögte des Stifts Sankt Goar sein, die in unmittelbarer Nähe der Stiftkirche stand.

Der Bau in Sankt Goar stand ursprünglich im Kontext weltlicher Verwaltung einer klerikalen Lebensgemeinschaft, was ihn von anderen Niederburgen in der Region deutlich abhebt. Die Talburg ist demnach nicht nur ein frühes Beispiel einer Niederungsburg am Mittelrhein, sondern auch ein äußerst rares Zeugnis eines zu einem Stift gehörenden weltlichen Sitzes, der offenbar in die Stiftsanlagen integriert war.

Talburgen gehören zu den Niederungsburgen, die Bezeichnung weist auf die Lage der Bauwerke hin – hier in der Talsohle des Rheintals. Das Gegenstück dazu bilden Höhenburgen, die auf natürlichen Anhöhen wie Bergen, Hügeln oder Felsvorsprüngen errichtet sind. Burg Rheinfels in Sankt Goar stellt vor Ort ein Beispiel für eine Höhenburg dar.

Schon bald genügte die Alte Burg den Grafen von Katzenelnbogen, die zwischen 1095 und 1479 am Mittelrhein herrschten, zur Sicherung ihrer Herrschaft nicht mehr. Sie ließen 1245 eine neue, höher gelegene Burg, die Burg Rheinfels, erbauen. Nach dem Bau von Burg Rheinfels wurde die alte Talburg als Verwaltungssitz der Grafen von Katzenelnbogen genutzt. Die Niedere Grafschaft Katzenelnbogen war der Teil, der geographisch abgegrenzt von der Obergrafschaft Katzenelnbogen, südlich der Lahn im Taunus und zum kleineren Teil linksrheinisch im Hunsrück lag.

Aus Lageplänen geht hervor, dass das Hauptgebäude gegenüber der Oberstraße zurückversetzt stand. Durch den vorgelagerten Hof und die seitlich versetzt angrenzenden Ställe ergab sich ein Winkelgrundriss. Der Massivbau hatte drei Geschosse mit gleichbleibender Mauerstärke. Im Erdgeschoss trugen zwei in der Mittelachse stehende Stützglieder ein Kreuzgewölbe mit sechs längsoblongen Jochen. Im ersten Obergeschoss lag der Haupteingang, der über eine vorgelagerte Außentreppe erreichbar war. Die Westseite der beiden oberen Geschosse wies je fünf Fenster mit tiefen Laibungen auf. Ein besonderes Merkmal war der sechsteilige polygonale Eckerker an der Nordwestseite des Gebäudes. Die Ausrichtung der Fenster und des Erkers bestätigen die These, dass die Talburg in das Befestigungssystem der Stadtmauer integriert war. Im Unterschied zu dem Hauptbau wiesen die Nebenbauten zwar im Untergeschoss eine ähnliche Mauerstärke auf, die beiden Obergeschosse waren jedoch in Fachwerk errichtet, was an den dünnen Wänden ersichtlich ist.

Mitte des 19. Jahrhunderts waren noch große Teile der ursprünglichen Gebäude erhalten. Im Jahr 1858/59 wurde an der Südseite des Geländes der neue Bahnhof der linksrheinischen Eisenbahn errichtet. Hier wurden Teile der Burg abgetragen, unter anderem die Ringmauer. Als 1909 die Güterabfertigungshalle errichtet wurde, trug man den Bau bis auf das Erdgeschoss ab. Erhalten sind seitdem weitgehend die Außenmauern. In den Jahren 1927/28 wurden zwei Räume des neuen Bahnhofs in das Gebäude integriert, was weitere Umbaumaßnahmen nötig machte.

Baubeschreibung
Die ehemalige Talburg grenzt seitlich an den Bahnhof von Sankt Goar an und liegt gegenüber dem Westturm der Evangelischen Stiftskirche. Das Gebäude hat eine Länge von 16,75 - 17 Metern sowie eine Breite von 8 Metern. Die Mauerstärke beläuft sich auf 1,2 Meter. Die Burg wurde Größtenteils aus Schieferbruchgestein errichtet. Weitere Baumaterialien sind Werkstein und Basalt.

Das heutige Erscheinungsbild der ehemaligen Talburg und Güterabfertigungshalle lässt nur noch wenige Rückschlüsse auf den ursprünglichen Bau zu. Auffällig ist, dass das Gebäude nicht in der Achse des Bahnhofs von 1927/28 steht, sondern schräg zur Oberstraße. Der Bruchschieferbau hat zwei Geschosse. Vom Erdgeschoss ist lediglich die Ostseite von der Oberstraße von außen sichtbar, der Rest des Gebäudes ist umbaut. Das allseitig einsehbare erste Obergeschoss ist im Vergleich zum Erdgeschoss niedriger. Ein sichtbares Indiz für die Umbaumaßnahmen zur Güterhalle im Jahr 1909 ist das regelmäßige Mauerwerk im Obergeschoss, das sich deutlich vom Untergeschoss abhebt.

Das Erdgeschoss wird von zwei Bauten der Zeit um 1927/28 eingefasst. An die Nordwand stößt ein halbrund endender, eingeschossiger Anbau mit Naht an. Vor die Südhälfte tritt ein eingeschossiger Vorbau mit ebenfalls abgerundeten Kanten. Er verbindet die zwischen Güterschuppen und Bahnhof liegende Schalterhalle mit dem älteren Erdgeschoss. Ablesbar ist dies daran, dass er einerseits in der Achse des Bahnhofs steht, andererseits mit Naht an die ältere Mauer des Güterschuppens stößt. In der Mitte der Ostwand öffnet sich ein Liefereingang. Vor der breiten Tür erstreckt sich eine schmale niedrige Lieferrampe, darüber wird das weit vortretende Vordach von gedoppelten Schrägbalken abgestützt. Die Tür mit zweiflügligem Türblatt wurde nachträglich eingesetzt, was an dem unregelmäßigen Mauerwerk um die Tür zu erkennen ist. Neben dem Eingang befindet sich ein Kreuzstockfenster (ein Fenster bei dem die rechteckigen Fensterflächen durch Holzstreben oder Stein in vier Einzelfenster aufgeteilt sind), was nicht ganz authentisch ist. Das umgebende Mauerwerk, der Entlastungsbogen über dem Fenster und das nördliche Gewände bestehen nicht aus Basalt. Die Gewände der Südseite sowie der Sturz stammen mit großer Wahrscheinlichkeit vom spätgotischen Nordfenster des Vorgängers, die Reste des Kreuzstocks vermutlich vom Mittelfenster, das für den breiteren Eingang aufgegeben wurde.

Das Obergeschoss wird über dem Vordach von sechs gekuppelten schmalen Fenstern und einem niedrigen Kreuzstockfenster belichtet. Das Innere des Gebäudes ist in drei Räume unterteilt. Die Mauern des Rechteckraums hinter dem Liefereingang besitzen die gleiche Mauerstärke, lediglich die erneuerte Mauer um die Tür herum ist dünner. Die Decke ist abgehängt. Im Zentrum steht eine massive Rundstütze über einer einfach über Eck stehenden spätgotischen Basis. Es handelt sich hierbei um eine der beiden Stützen, die das Gewölbe der ehemaligen Talburg trugen. Die zweite Stütze des ehemaligen Gewölbes wird in einer heutigen Zwischenwand vermutet. In den beiden kleineren Räumen der Südseite befanden sich der Fahrkartenverkauf und Möglichkeiten zur Gepäckaufbewahrung. Sie sind durch eine vierstufige Treppe zu erreichen, da die Räume an das Niveau des Bahnhofs und der Schalterhalle angepasst wurden und liegen somit höher als der Raum der Nordhälfte des Gebäudes. Die Treppe wurde erst mit dem Bau des Bahnhofs installiert, infolgedessen auch die Wand zwischen beiden Räumen und dem Raum der Nordhälfte errichtet wurde. Der ursprünglich große Raum wurde somit in drei Räume geteilt. Trotz der Eingriffe belegt die gleiche Mauerstärke die Zugehörigkeit zu dem Gebäude.

Heutige Nutzung
Aktuell beherbergt das Gebäude die Werkstatt eines lokalen Malerbetriebs.

(Sebastian Weinand, Universität Koblenz-Landau, 2015)

Internet
www.st-goar.mittelrhein.info: Burg Burgruine Rheinfels – die mittelalterliche Festung bei St. Goar am Rhein gegenüber der Loreley (abgerufen: 13.09.2016)

Literatur

Generaldirektion Kulturelles Erbe (Hrsg.) (2016)
Nachrichtliches Verzeichnis der Kulturdenkmäler Rhein-Hunsrück-Kreis. 08. Juli 2016. S. 56, Mainz. Online verfügbar: http://denkmallisten.gdke-rlp.de/Rhein-Hunsrueck-Kreis.pdf, abgerufen am 12.09.2016
Sebald, Eduard / Generaldirektion Kulturelles Erbe Rheinland-Pfalz. Direktion Landesdenkmalpflege (Hrsg.) (2012)
Die Kunstdenkmäler von Rheinland-Pfalz. Stadt St. Goar. Die Kunstdenkmäler des Rhein-Hunsrück-Kreises. Teil 2.3. 2 Teilbände. (Die Kunstdenkmäler von Rheinland-Pfalz, Band 10.) Berlin und München.

Ehemalige Talburg Sankt Goar

Schlagwörter
Straße / Hausnummer
Oberstraße 30
Ort
56329 Sankt Goar
Gesetzlich geschütztes Kulturdenkmal
Denkmalbereich gem. § 5 DSchG NW
Fachsicht(en)
Denkmalpflege, Kulturlandschaftspflege
Erfassungsmaßstab
i.d.R. 1:5.000 (größer als 1:20.000)
Erfassungsmethode
Literaturauswertung, mündliche Hinweise Ortsansässiger, Ortskundiger
Historischer Zeitraum
Beginn 1219
Koordinate WGS84
50° 09′ 1,52″ N, 7° 42′ 51,94″ O / 50.15042°, 7.71443°
Koordinate UTM
32U 408155.96 5556146.67
Koordinate Gauss/Krüger
3408194.32 5557929.59

Empfohlene Zitierweise

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Empfohlene Zitierweise
„Ehemalige Talburg Sankt Goar”. In: KuLaDig, Kultur.Landschaft.Digital. URL: https://www.kuladig.de/Objektansicht/KLD-245790 (Abgerufen: 18. August 2018)
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