Kanzleiturm der Stadtbefestigung Sankt Goar

Nachastischer Turm, Hexenturm

Schlagwörter:
Fachsicht(en): Denkmalpflege, Kulturlandschaftspflege
Gemeinde(n): Sankt Goar
Kreis(e): Rhein-Hunsrück-Kreis
Bundesland: Rheinland-Pfalz
  • Karte: Intensität der europäischen Hexenverfolgungen (15. bis zum 18. Jahrhundert). Dargestellt sind ausgewählte Territorien (2007).

    Karte: Intensität der europäischen Hexenverfolgungen (15. bis zum 18. Jahrhundert). Dargestellt sind ausgewählte Territorien (2007).

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    Voltmer, Rita (Entwurf) / Knöchel, Franz-Josef (Kartographie)
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    Franz-Josef Knöchel; Rita Voltmer
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  • "Hexensabbat" mit Zubereitung eines Hexenmahls und Flug auf dem Bock, Holzschnitt von Hans Baldung Grien (1510).

    "Hexensabbat" mit Zubereitung eines Hexenmahls und Flug auf dem Bock, Holzschnitt von Hans Baldung Grien (1510).

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    gemeinfrei, Wikimedia Commons
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    Hans Baldung Grien
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Von der ehemaligen Stadtbefestigung der Stadt Sankt Goar sind heute noch Teile erhalten. Bis um 1800 war die Stadt von einer Befestigung mit zehn Türmen und drei Toren umschlossen. Erhalten blieb lediglich der Mauerzug der Westseite am Berg über der Bahnlinie. Er zerfällt in zwei Abschnitte, den Nordteil und den sich südlich des Einschnitts des Wocherbachtals anschließenden Abschnitt. Die Mauer der Nordseite ist noch auf einer Länge von ca. 195 Metern entlang der heutigen Straße Schlossberg erhalten, die in den 1730er Jahren errichtet wurde. Die Nordmauer wurde durch drei Türme unterteilt. Am Südlichen Ende befand sich der heute nicht mehr erhaltene Nappenturm, in der Mitte der Mauer der Hexenturm und an der Nordwestecke der Kanzleiturm.

Der Kanzleiturm steht an der Gelenkstelle zwischen bergseitigen West- und der Nordwestmauer und besitzt einen Fünfeckgrundriss aus einem leicht trapezförmig zulaufenden, stadtseitigen Quadrat und einer bergseitig vorgesetzten, spornartig vorstoßenden Dreieckspitze. An der Südostseite liegt ein vom ersten Obergeschoss aufsteigender Treppenturm an drei Seiten des Sechsecks an. Der Grundriss und die Ausrichtung resultieren aus seiner ursprünglich wehrtechnischen Funktion und dem Standort an der Nordwestecke der Stadtmauer. Die Turmspitze weist nach Nordwesten gegen die Feindseite auf das ehemals offene Feld zwischen Stadt, Neustadt und Burg Rheinfels. Der Treppenturm steht eingepasst zwischen Turm und bergseitiger Westmauer an der ehemals geschützten Südseite.

Namensherkunft
Im 19. Jahrhundert wurde der Kanzleiturm auch als Nachastischer Turm bezeichnet. Häufig wurde er in zeitgenössischer Literatur auch als Hexen Thurm bezeichnet, was auf einer Verwechslung mit dem nahem Hexenturm beruht. Der erst seit dem 19. Jahrhundert gebräuchliche Name Kanzleiturm ist auf den Umstand zurückzuführen, dass die Kanzlei der Burg Rheinfels im Zuge des Baus von Fort Scharfeneck zwischen 1657 und 1672 in die Stadt aus- und vermutlich in den Turm eingelagert worden war. Der genaue Standort des Kanzleigebäudes ist jedoch umstritten. Die Bezeichnung Nachastischer Turm leitet sich von der in Sankt Goar wohnenden Familie Nachast ab, die analog zur Familie Napp und dem Nappenturm, vermutlich ein Grundstück in der Nähe besaß.

Baugeschichte
Der Turm ist urkundlich und bildlich zwar erst ab dem 17. Jahrhundert erwähnt, jedoch sprechen einige Elemente für eine frühere Entstehung. Der fünfeckige Grundriss mit polygonalem Treppenturm, die im Vergleich zu älteren Türmen schlanken Proportionen, der geschlossene Baukörper sowie das über dem umlaufenden Bogenfries schwach vortretende, vermutlich von Beginn an bedachte Obergeschoss sowie die am Bogenfries verwendeten schmalen Backsteine und die langgestreckte Form der Schießscharten der unteren Geschosse deuten auf eine Datierung des Turm in die Mitte des 14. Jahrhunderts.
Das ursprüngliche Aussehen des Turms ist nicht ganz zweifelsfrei zu klären. Ansichten des 17. und 18. Jahrhunderts zeigen einen nach Nordwesten ausgerichteten fünfgeschossigen, allseitig geschlossenen Turm mit auskragendem Obergeschoss. Die kleinen Darstellungsmaßstäbe der zeitgenössischen Abbildungen lassen genaue Rückschlüsse über die Form nicht zu, jedoch wird der Grundriss als Fünfeck gedeutet. Das Fehlen des zum Originalbestand zählenden Treppenturms ist auffällig. Die ebenfalls nicht eindeutigen Angaben zum Obergeschoss lassen auf Fensteröffnungen schließen, da vermutlich keine Zinnen vorhanden waren. Das Dach des Turms wurde im Verlauf der Jahrhunderte zerstört. Das erste Dach war bereits 1607/1608 zerstört, sodass erst später wieder ein neues Dach aufgesetzt wurde.

Bauliche Veränderungen des Turms setzten wahrscheinlich bereits im zweiten Drittel des 15. Jahrhunderts ein, wie die Spatenscharten im vierten Obergeschoss der Westseite vermuten lassen. Die quadratischen Spatenfüße deuten möglichweise auf einen nachträglichen Einbau ins Mauerwerk. Die endgültige Antwort ist hier jedoch noch unklar. Baumaßnahmen, die mit der Nutzung des Turms als Teil der Rheinfelser Kanzlei zusammenhingen, lassen sich nicht belegen. Die Datierung älterer Fenster des zweiten und dritten Obergeschosses ins 17. oder 18. Jahrhundert ist mit Hilfe historischer Fotos nicht belegbar.
Seit Mitte des 19. Jahrhunderts wurde der Turm zur „Bewahrung der Civil-Delinquenten“ genutzt. Das Angstloch (einen engen Zugang zu einem darunter liegenden Raum) lässt vermuten, dass der Turm schon im Mittelalter als Gefängnis diente. Weitere Umbauten im Gewölbe des Turms sowie ein in die Zeit datiertes massives Türschloss sind weitere Indizien für die Gefängnisfunktion. Das heutige Kellergeschoss entspricht dem damals typischen Verliesgeschoss des Mittelalters.

Im Lauf der Jahrhunderte kam es zu zahlreichen Änderungen des Turms. Bei dem im 18. Jahrhundert dokumentierten Dach, handelt es sich vermutlich um das zweite Dach des Turms. Weitere kleine Umbauten, zumeist der Fenster und Scharten veränderten das Bild des Turm bis er im Jahr 1816 als Gefängnis unbrauchbar wurde, da der Bauzustand der gewölbten Räume zu schlecht war. Es stand auch eine Abtragung der Türme der Nördlichen Stadtmauer zur Debatte, die jedoch letztendlich, auch aus Grund der Ästhetik des Stadtbilds, nicht durchgeführt wurde. 1821 wurde der Kanzleiturm durch Franz Weber aus Köln ersteigert und 1828 zu Wohnzwecken ausgebaut. Das Aussehen des Turms änderte sich stark. Große Segmentfenster wurden eingebaut, deren Laibungen mit Fassdauben, Backsteinen und Schutt ausgesetzt waren. Im Inneren wurde das Backsteingewölbe im zweiten Obergeschoss eingehangen, darüber hinaus die Geschosse durch den Einbau von Zwischenwänden in kleinere Räume unterteilt. Eine Erneuerung des Dachs ist nicht belegbar. Der Turm wies jetzt zur stadtseitigen Front große Fenster auf. Vor der Nordost- und Südostseite des Turms stand zu Beginn des 20. Jahrhunderts ein L-förmiger Wohn- oder Wirtschaftsbau aus der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts sowie ein auf der Standmauer aufsitzendes Haus. Der Komplex gehörte zum „Parkhotel Ulmenhof“, das nördlich des Turms stand und heute nicht mehr erhalten ist.
Im Jahr 1895 erwarb Friedrich Engelhardt den Turm und führe im Jahr 1935 eine Reparatur des Daches durch. Der Zustand des Daches verschlechterte sich jedoch im Laufe der Zeit, sodass 1975 eine erneute Reparatur nötig wurde. Während der Restauration der 1980er Jahre wurden Spannanker eingezogen, das Mauerwerk verpresst, der Bogenfries und die Schießscharten des vierten Obergeschosses verändert bzw. beseitigt, Turm und Treppenturm erhöht und mit einem neuen Dach versehen sowie die ursprünglich durch Franz Weber 1828 gestaltete Raumaufteilung aufgelöst. Das heutige Kegeldach ist wesentlich steiler als das vor 1984 vorhandene. Der Treppenturm erhielt damals ein eigenes Dach.
Aussagen zu Putz und Mörtel sind im Gegensatz zu anderen Türmen nicht mehr möglich. Ältere Aufnahmen lassen lediglich Rückschlüsse auf die Bauweise und Verbindung der Bruchsteinschiefermauern zu.
Der Turm hat fünf Geschosse an der Stadt- und vier an der Bergseite. Die Differenz resultiert aus der im 19. Jahrhundert getätigten Aufschüttung für die im 20. Jahrhundert bergseitig angelegte Straße. Zuvor lag hier lediglich ein Garten der „Pension Ulmenhof“.

Das erste Obergeschoss ist allseitig einsehbar. In der Mitte der spornartig vorstoßenden Westseite sitzt knapp über dem heutigen Straßenniveau eine innen nachträglich vermauerte Schießscharte, deren schmale langgestreckte Form auf das 14. Jahrhundert datiert werden kann. Die an der Südwestseite eingelassene vermauerte Flachbogentür in Höhe der Straße wurde nachträglich eingesetzt und führt direkt ins erste Obergeschoss. Der Bereich vor der Mauer wurde wie bereits erwähnt im 19. Jahrhundert aufgeschüttet und gehörte ursprünglich zur „Pension Ulmenhof“. Die Form der heutigen Fenster geht auf die Zahlreichen Umbaumaßnahmen zurück. Manche Fenster bestehen noch aus der Zeit der Umbauten durch Franz Weber, andere wurden von den weiteren Besitzern eingebaut. Ursprünglich besaß der Turm an der Feindseite zwei Fenstergeschosse im zweiten und dritten Obergeschoss, was der Bautradition am Mittelrhein im 14. Jahrhundert entsprach. Weiterhin wies der Turm einen außen umgeführten Laufgang auf.
Auffallend am Obergeschoss ist, dass an allen drei gegen die Feindseite gerichteten Spornseiten seitlich der Fenster kurze Schießscharten saßen, die jedoch mit der Restaurierung in den 1980er Jahren beseitigt wurden. Die insgesamt uneinheitliche Form der Schießscharten spricht dafür, dass die Schartenfüße offenbar nachträglich in das Mauerwerk gestemmt wurden. Das Aufkommen von Feuerwaffen machte eine Anpassung der Scharten unabdingbar. Das Obergeschoss besaß vermutlich ursprünglich keine Zinnen, sondern eine Folge von Fenster oder Öffnungen und vertikalen Schießscharten. Indiz hierfür ist das bis zu den Oberseiten der Fenster und Öffnungen ungestört verlaufende Mauerwerk. An der Südseite des Turms tritt der Treppenturm an drei Seiten polygonal hervor. Das Mauerwerk und die nicht vorhandenen Baunähte und Fugen wiederlegen einen nachträglichen Einbau. Der Treppenturm war und ist der Zugang zum Inneren des Turms, genauer zum ersten Obergeschoss. Die Wendeltreppe fügt sich spindelförmig in die Turmmauer ein und besteht aus großen Schieferplatten.

Im Inneren des Turms unterscheidet sich die Wandstärke der beiden unteren Geschosse von den restlichen. Der primäre Grund für die höhere Mauerstärke liegt in der Standsicherheit des Turms. Zahlreiche Gravuren belegen die Um- und Ausbauarbeiten durch die ehemaligen Besitzer. So weisen neben Backsteine im Inneren und in das schmiedeeiserne Brüstungsgeländer des großen Rundbogenfensters die Initialen des Bauherrn oder die Jahreszahl 1828 auf, die Bauphase von Franz Weber.

Heutige Nutzung
Der Turm dient heute nach den zahlreichen Restaurierungen und Umbaumaßnahmen im Verlauf seiner Geschichte als Wohnhaus.

(Sebastian Weinand, Universität Koblenz-Landau, 2015)

Literatur

Sebald, Eduard (2004)
Die Stadtmauer von St. Goar - ein bedeutendes Zeugnis spätmittelalterlicher und barocker Baukunst am Mittelrhein. Festvortrag, gehalten am Mittwoch, dem 30. Juli 2003, anlässlich des Hansenfestes von Dr. Eduard Sebald M. A.. In: Hansen-Blatt, Nr. 57, S. 61-68. Sankt Goar.
Sebald, Eduard (2003)
"Ein Stück ältesten Rheinlebens" - Neue Erkenntnisse zur Stadtmauer von St. Goar. In: Baudenkmäler in Rheinland-Pfalz, (Denkmalpflege in Rheinland-Pfalz, 57. Jg.) S. 72-76. Mainz.
Sebald, Eduard / Generaldirektion Kulturelles Erbe Rheinland-Pfalz. Direktion Landesdenkmalpflege (Hrsg.) (2012)
Die Kunstdenkmäler von Rheinland-Pfalz. Stadt St. Goar. Die Kunstdenkmäler des Rhein-Hunsrück-Kreises. Teil 2.3. 2 Teilbände. (Die Kunstdenkmäler von Rheinland-Pfalz, Band 10.) Berlin und München.

Kanzleiturm der Stadtbefestigung Sankt Goar

Schlagwörter
Straße / Hausnummer
Ulemhof 20
Ort
56329 Sankt Goar
Fachsicht(en)
Denkmalpflege, Kulturlandschaftspflege
Erfassungsmaßstab
i.d.R. 1:5.000 (größer als 1:20.000)
Erfassungsmethode
Literaturauswertung, mündliche Hinweise Ortsansässiger, Ortskundiger
Historischer Zeitraum
Beginn 1300 bis 1400
Koordinate WGS84
50° 09′ 3,62″ N, 7° 42′ 40,88″ O / 50.15101°, 7.71136°
Koordinate UTM
32U 407937.63 5556215.27
Koordinate Gauss/Krüger
3407975.91 5557998.21

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„Kanzleiturm der Stadtbefestigung Sankt Goar”. In: KuLaDig, Kultur.Landschaft.Digital. URL: https://www.kuladig.de/Objektansicht/KLD-245788 (Abgerufen: 27. Mai 2018)
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