Ehemalige Heuersdorfer Emmauskirche

Schlagwörter:
Fachsicht(en): Denkmalpflege
Gemeinde(n): Borna
Kreis(e): Leipzig
Bundesland: Sachsen
Koordinate WGS84 51° 07′ 31,03″ N: 12° 29′ 49,69″ O 51,12529°N: 12,49714°O
Koordinate UTM 33.324.860,23 m: 5.666.736,30 m
Koordinate Gauss/Krüger 4.534.909,10 m: 5.665.699,57 m
  • Ehemalige Heuersdorfer Emmauskirche in Borna, Blick von Südosten.

    Ehemalige Heuersdorfer Emmauskirche in Borna, Blick von Südosten.

    Fotograf/Urheber:
    Josephine Dressler
    Medientyp:
    Bild
    Anklicken öffnet eine größere Vorschau in Galerieansicht
Die Emmauskirche wurde ursprünglich in dem auf das 12.–13. Jahrhundert zurückgehenden Heuersdorf errichtet und befand sich dort in leicht erhöhter Lage auf einem dreieckigen, begrünten Anger umgeben von Gehöften. Der Kirchenbau wurde vermutlich kurz vor der Mitte des 13. Jahrhunderts begonnen und 1258 (d) weitgehend fertiggestellt. Er ist relativ vollständig erhalten. Zu diesem ursprünglichen Saalbau mit eingezogenem Rechteckchor, kleinem Ostfenster und Satteldach gehören ebenso das Bruchsteinmauerwerk mit Eckquaderung und der Triumphbogen mit Kämpfersteinen. Um 1520 (d) gab es eine zweite Bauphase, aus der das Schiffdach mit Dachreiter stammt. In die Bauphase von 1676 (d) fällt die Zwiebelhaube des Dachreiters und womöglich auch die barocke Gestaltung der Fenster, des Portals auf der Südseite sowie der Empore und Bänke. Im frühen 19. Jahrhundert wurde die Empore umgestaltet sowie der Kanzelaltar ausgeführt. Die Orgel von Urban Kreutzbach in Borna stammt aus dem Jahr 1850.
Bereits 1949 wurde Heuersdorf zum Bergbauschutzgebiet erklärt und seitdem drohte die Devastierung. Nach der politischen Wende und dem abrupten Einbruch der Braunkohlenwirtschaft keimte Hoffnung für den Erhalt des Ortes auf. Doch es blieb ein emotionales Ringen. 1995 bis 2008 wurde der Ort mit 310 Einwohnern für das Baufeld Schleenhain des Braunkohlentagebaus Vereinigtes Schleenhain zerstört. Die etwa 15 x 9 x 19 m große und 660 t schwere Emmauskirche wurde jedoch 2007 auf den Martin-Luther-Platz in Borna transloziert. Zusammen mit dem Transporter (SPMT) wurden fast 1000 t auf einer 12 km langen Strecke mit Hindernissen wie Bahnstrecken und Flüssen unter sehr großer Anteilnahme von Bürgern und Medien bewegt. Die technisch wie organisatorisch höchst anspruchsvolle Leistung erfuhr Ihren Höhepunkt am 23. Oktober mit dem Beginn der Fahrt und endete am Reformationstag mit der Ankunft am neuen Standort. Es erfolgte anschließend eine rasche Sanierung, da bereits zu Ostern 2008 – also ein Jahr nach dem letzten Gottesdienst in Heuersdorf – der erste Gottesdient in Borna stattfand. Begleitet wurde die Maßnahme von zahlreichen bauhistorischen, restauratorischen und archäologischen Untersuchungen.
Als ein umfangreich erhaltener spätromanisch bis frühgotischer Kirchenbau in Westsachsen besitzt er mit weiteren Bauphasen baugeschichtliche und künstlerische Bedeutung. Durch die Translozierung weist der Bau eine hohe sozialgeschichtliche, aber auch regional-, kirchen- und wirtschaftsgeschichtliche Bedeutung auf. Im Südraum Leipzigs wurden 66 Orte oder Teile von Orten zwischen 1933 bis 2008 für die Braunkohlenwirtschaft devastiert, samt Ihrer Kulturdenkmäler und 17 Kirchen sowie über 20 000 Menschen umgesiedelt. Erst seit 2021 steht fest, dass Heuersdorf der letzte devastierte Ort im Revier bleibt. Die erhaltene Kirche ist in diesem Kontext ein herausragendes Gedenksymbol zwischen den vielen wirtschaftsbedingten Zerstörungen. Sie ist Mahnmal für die Folgen des Braunkohlenabbaus und zeugt indirekt von dem massiven Einfluss und den Veränderungen der Braunkohlenindustrie im Bornaer Revier. Die Translozierung wurde finanziert von der Braunkohlenwirtschaft und soll als ein befriedendes Symbol des Bergbaus für die vielen Umgesiedelten und die zerstörte Kulturlandschaft verstanden werden. Neben der elementaren Weiternutzung als Gottesdienstraum ist die Kirche ganz wesentlich Andachts- und Begegnungsstätte der vielen Umgesiedelten, unabhängig der religiösen Zugehörigkeit.
Der Akt der Translozierung stellt eine technikgeschichtlich beachtliche Leistung dar, bei dem viele Fachdisziplinen, -unternehmen und Spezialmaschinen erfolgreich zum Einsatz kamen. Die Umsetzung eines Kirchenbaus am Stück hat einen außerordentlichen Seltenheitswert. Auf der Nordseite der Kirche ist diese Geschichte durch Teile der Trägerkonstruktion ersichtlich. Die mit der Umsetzung einhergehenden umfangreichen Untersuchungen brachten viele neue Informationen hervor, welche für Fächer wie die Archäologie oder Kunstgeschichte von hohem Interesse sind und damit eine wissenschaftliche Bedeutung des Objektes belegen. Nicht zuletzt spiegelt die neue räumliche Situation wider, wie wichtig der Ursprungsort für ein Denkmal ist. Der städtische Platz neben der unmaßstäblichen Bornaer Stadtkirche wird der einstigen Dorfkirche im Raumgefüge nicht gerecht.

(Josephine Dreßler, Landesamt für Denkmalpflege Sachsen, 2021)

Datierung:
  • Erbauung vor 1250 bis um 1258

Quellen/Literaturangaben:
  • Brockow, Thomas: Die Heuersdorfer Emmauskirche und ihr Umzug nach Borna. In: Landesamt für Denkmalpflege Sachsen (Hg.): Denkmalpflege in Sachsen. Mitteilungen des Landesamtes für Denkmalpflge, Jahrbuc
  • De Marcus, Bruce/Krieg, Heiner/Junge, Heinz (Hg.): Die große Reise einer kleinen Kirche. Leipzig 2007.
  • Ev.-Luth. St.-Marien-Kirchgemeinde Borna (Hg.): Die Emmauskirche Borna (Flyer). Borna 2011.
  • Hillner, H./Keller, I./Siegel, G.: Die Emmaus- und die Taborkirche in Heuersdorf. In: Heimatblätter des Bornaer Landes 6 (1997).
  • N.N.: Emmaus...auf dem Weg. Der spektakuläre und nachdenkliche Umzug der Heuersdorfer Emmauskirche nach Borna. Borna 2007.
  • Pro Leipzig e. V.: Heuersdorf. Geschichte und Abschied eines mitteldeutschen Dorfes. Leipzig 2009.

BKM-Nummer: 30200004

Ehemalige Heuersdorfer Emmauskirche

Schlagwörter
Ort
Borna
Fachsicht(en)
Denkmalpflege
Erfassungsmaßstab
Keine Angabe
Erfassungsmethode
Übernahme aus externer Fachdatenbank

Empfohlene Zitierweise

Urheberrechtlicher Hinweis
Der hier präsentierte Inhalt steht unter der freien Lizenz CC BY-NC 4.0 (Namensnennung, nicht kommerziell). Die angezeigten Medien unterliegen möglicherweise zusätzlichen urheberrechtlichen Bedingungen, die an diesen ausgewiesen sind.
Empfohlene Zitierweise
„Ehemalige Heuersdorfer Emmauskirche”. In: KuLaDig, Kultur.Landschaft.Digital. URL: https://www.kuladig.de/Objektansicht/BKM-30200004 (Abgerufen: 23. März 2025)
Seitenanfang