Weiler Bövinghauser Straße mit überkommenen Hofstellen im Stadtteil Bövinghausen

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Fachsicht(en): Kulturlandschaftspflege
Gemeinde(n): Bochum, Castrop-Rauxel, Dortmund
Kreis(e): Bochum, Dortmund, Recklinghausen
Bundesland: Nordrhein-Westfalen
Die bäuerliche Siedlung Bövinghausen ist eine typische Weiler-artige Dorfanlage mit zahlreichen erhaltenen Hofstellen, die heute noch die ehemalige, landwirtschaftlich geprägte, Struktur bezeugen und ihre Bedeutung für die Kulturlandschaft darstellen. Der Weiler liegt südlich des West-Ost gerichteten Straßenzugs Bövinghauser Hellweg - Gerther Straße zur Stadtgrenze zu Bochum und Dortmund. Der historische Straßenzug Lindenstraße und Bövinghauser Straße quert den Weiler von Nord nach Süd und erschließt hier heute noch zahlreiche erhaltene Hofstellen [HISTORIKA, 2005; Blatt 4409; Uraufnahme 1842].

„Bövinghausen gehört zu den in unserem Gebiet häufigen Orten, die auf “-inghausen„ enden und zu derselben Siedlungsschicht zählen wie Behringhausen, Pöppinghausen und Deininghausen. Während die Orte Castrop, Rauxel, Dingen, Ickern auf eine ältere Entstehungszeit zurückgehen, rechnen die “-inghausen„-Orte zu einer jüngeren Siedlungsperiode, die wahrscheinlich dem 8. oder 9. Jahrhundert angehört und unter sächsischem Einfluss stand. Diese Ortschaften werden meist durch Personennamen näher bestimmt. So war “Bovo„ schon in alter Zeit ein häufiger Vorname; die Nachkommen eines Bovo nannten sich Boving, Böving, die mit “hausen„ ihre Siedlung bezeichneten: Bövinghausen [HARTUNG, 1974; Seite 38]. “Die erste geschichtliche Erwähnung Bövinghausens fällt gegen Ende des 19. Jahrhunderts, der Ort wird in dem ältesten Heberegister der Abtei, Werden an der Ruhr genannt. Um 890 lebte in der Villa (= Bauerschaft) Bovinkhuson ein Waldger, der an das Kloster zu entrichten hatte: von einer halben Hufe (= Hofe) 10 Müdden (Scheffel) Weizen und 8 Denare (Pfennige) Heeresschilling (= Abgabe für die Landesverteidigung)„ [ebenda].

“Politisch wie kirchlich war Bövinghausen stets ein Bestandteil des Gerichtsbezirks Castrop. Im Mittelalter kam es zu einer Teilung der Bauerschaft; die südlich gelegenen Höfe Schulte zu Rade, Hertmann, Krane und Horstmann schlossen sich dem Kirchspiel und Amte Lütgendortmund an, behielten aber die Bezeichnung Bövinghausen bei. Zum Unterschied nannte sich die eine Bauernschaft Bövinghausen-Lütgendortmund, die andere Bövinghausen-Castrop, von 1902 bis 1926 Bövinghausen-Rauxel, weil es in dieser Zeitspanne eine Gemeinde in dem neugebildeten Amte Rauxel gab. Diese Ursachen der mittelalterlichen Spaltung in zwei Bauerschaften sind noch nicht einwandfrei geklärt. Man nimmt an, dass die im Ausgang des Mittelalters errichteten Landwehren die Teilung der Bauerschaft Bövinghausen verursacht haben„ [ebenda]. Bövinghausen verlor aufgrund des Eingemeindungsgesetzes vom 26. 2. 1926 sein industriereiches Ostgebiet an Bochum-Gerthe. “Begründet wurde dieser Anspruch einmal mit dem Hinweis, dass die Verwaltung der Lothringer Schächte auf Bochumer Gebiet lag, dann aber verlangte Bochum auch Ersatz für das Amt Bladenhorst, das bis 1926 ein Bestandteil des Kreises Bochum war und nun an die Stadt Castrop-Rauxel fiel„ [ebenda; Seite 39]. “Bövinghausen liegt auf der Castroper Platte; seine Feldflur ... trägt fruchtbare Lößboden. Die Bauernhöfe haben sich in einer Quellmulde angesiedelt, die vom Ölbach (heute Harpener Bach; der Verfasser) gebildet wird Auf dem „Kamme“ der Anhöhe verläuft die einzige Verkehrsstraße (Gerther Straße) von West nach Ost und durchschneidet die fast rechteckige Gemarkung. Gegen Ende des 18. Jahrhunderts entstanden längs der Gerther Straße sieben Hausstätten an der Bövinghauser Landwehr(sogenannte „Landwehrkotten“; der Verfasser), die sich zwischen der Merklinder und Hiltroper Landwehr hinzieht. Ihre ursprüngliche Aufgabe der Landesverteidigung war schon seit einigen Jahrhunderten hinfällig geworden. Darum bemühte sich die preußische Landesregierung, das unnütze Gelände zu besiedeln. So bauten Neusiedler noch zu Lebzeiten Friedrichs des Großen ihre Häuser auf der Bövinghäuser Landwehr und trugen dazu bei, die Bevölkerungszahl der kleinen Bauerschaft anzuheben. Der heutige Straßenname „Landwehr“ erinnert an die Landwehr-Anlage„ [ebenda].

“Die Höfe unterstanden seit dem feudalen Mittelalter ihren Grund- und Gutsherren; jeder Hof hatte einen Obereigentümer, an den die festgesetzten Abgaben und Dienste zu leisten waren. Den Herren von Bladenhorst waren die Höfe Schulte, Tewes, Haacke und Kleinhubbert hörig; der Hof Spierling stand im grundherrlichen Verhältnis zu den Herren von Strünckede, der Hubbertshof gehörte zum Reichshof Castrop (vermutlich ein fränkischer Oberhof; der Verfasser), der Hof Klostermann zum Kloster in Gevelsberg (daher sein Name Klostermann), von den Kotten sind keine Grundherren bekannt. In der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts lösten die Bauern die übernommenen Verpflichtungen ab und wurden dadurch erst freie Bauern.

Die 7 alten Bauernhöfe (im Verzeichnis Nummer 1 bis 7) werden in dem ältesten Steuerregister, dem Märkischen Schatzbuch von 1486, genannt mit Ausnahme von Klostermann, der 1542 erstmalig in der Türkensteuerliste erscheint. Die Namen von 1486 lauten: Bernt Schult, Thabe Hubert (der erst zu Anfang des 19, Jahrhunderts den Namen Kleinhubbert annimmt, heute Mittelviefhaus), Jan Hubert (Hubbert), Amt Sprinck (wird Spierling heißen), Jan Haicke (Haacke), Dyckhof (seit 1598 Tewes)„ [ebenda; Seite 40].

Alte Höfe und Kotten in Bövinghausen [HARTUNG, 1974; Seite 41]

(siehe hierzu auch dieAbbildung der Übersichtskarte)

“Die alten Höfe, Keimzellen der tausendjährigen Gemeinde, verdienen festgehalten zu werden. Das folgende Verzeichnis führt zuerst Name des Eigentümers mit Größe seines Besitztums aus dem Jahre 1826 an, daran schließen sich kurze Bemerkungen über die Weiterentwicklung.
  1. Hof SchuIte, H. Größe: 157 Morgen, 64 Ruten (1934: 55 Morgen). Eigentümer (1974): Erben Endemann, kein landwirtschaftlicher Betrieb mehr, Bövinghauser Straße Hausnummer 23 / 25.
  2. Hof Tewes, Caspar Heinrich. Größe: 125 Morgen, 84 Ruten. (1934: 97 Morgen). Eigentümerin (1974): Bäuerin Caspar Tewes, Bövinghauser Straße Hausnummer 21.
  3. Hof Haacke, Caspar Größe: 114 Morgen, 31 Ruten. Hofgebäude brannten 1929 ab; Ländereien vor 1900 aufgeteilt. Letzter Besitzer (1974): Wilhelm Schulte-Strathaus.
  4. Hof Spierling, Wilhelm. Größe: 72 Morgen, 173 Ruten. Gebäude brannten vor rund 100 Jahren ab, Hof wurde nach Gerther Straße Hausnummer 104 verlegt, ging von Spierling durch Kauf über an Büchter. Eigentümerin: Witwe Margarete Büchter.
  5. Hof Hubbert, Engelbert. Größe: 138 Morgen, 45 Ruten. Eigentümer: Hof und Land fielen 1926 bei der Eingemeindung an Bochum-Gerthe. Eigentümer (1974): Erbengemeinschaft Hubert, Bövinghauser Hellweg Hausnummer 246a.
  6. Hof Klostermann, Anton. Größe: 15 Morgen, 128 Ruten. Letzter Eigentümer: Villis, anstelle des abgebrannten Kottens ein Neubau, der der Stadt Castrop-Rauxel gehört, Bövinghauser Straße Hausnummer 28.
  7. Hof Kleinhubbert, Wilhelm. Größe: 61 Morgen, 4 Ruten. Eigentümer (1974): Landwirt Ewald Mittelviefhaus, Bochum-Gerthe, Bövinghauser Straße Hausnummer 45 (der Hof wurde 1926 nach Bochum-Gerthe eingemeindet wie Hof Hubbert).
  8. Hof Erdelhof, Wilhelm. Größe: 8 Morgen, 18 Ruten. (1934: 27 Morgen). Eigentümer (1974): Bauer Caspar Tewes, Bövinghauser Straße Hausnummer 39.
  9. Hof Hölling, Heinrich. Größe: 8 Morgen, 28 Ruten. Eigentümerin (1974): Frau Gertrud Wienhusen, geborene Hölling, Bövinghauser Straße Hausnummer 31. Die Häuser Nummer 10 bis 16 lagen auf der Landwehr.
  10. Hof Söding, Heinrich Wilhelm. Größe: 4 Morgen, 30 Ruten. Eigentümerin (1974): Witwe Johanna Kurte, Gerther Straße Hausnummer 32.
  11. Hof Breuckmann, Georg Größe: 1 Morgen, 58 Ruten. Eigentümerin (1974): Witwe Antonie Husemann, geborene Rottmann, Gerther Straße Hausnummer 40.
  12. Hof Frackmann, Wilh. Größe: 1 Morgen, 55 Ruten. Eigentümer (1974): Gastwirt Theodor Stehmann, Gerther Straße Hausnummer 52.
  13. Hof Prießelmeier, Peter. Größe: 5 Morgen, 84 Ruten. Kotten besteht nicht mehr, lag Bövinghauser Hellweg Hausnummer 69 gegenüber.
  14. Hof Stindt, Heinrich. Größe: 1 Morgen, 112 Ruten. Eigentümer (1974): Landwirt Otto Börnke, Bövinghauser Hellweg Hausnummer 56.
  15. Hof König, Heinrich. Größe: 5 Morgen, 106 Ruten. Eigentümer (1974): Otto Börnke, Gastwirtschaft, Bövinghauser Hellweg Hausnummer 48.
  16. Hof Schilling, Eberhard. Größe: 14 Morgen, 171 Ruten. Eigentümer (1974): Landwirt Heinrich Brauckhoff, Mühlenbesitzer Wilhelm Brauckhoff, Bövinghauser Hellweg Hausnummer 22 und 40.
  17. Hof Klostermann, Diedrich Größe: 3 Morgen, 70 Ruten. Das Haus lag im Wagenbruch 55, letzter Eigentümer (1974): H. Rottmann„ [HARTUNG, 1974; Seite 41].
“Inzwischen war das Bauerndorf in den Einflussbereich der Industrie (heute auf dem Gebiet der Stadt Bochum, der Verfasser) geraten. An der Westgrenze der Gemeindeflur nahm 1905 der Schacht l der Bergbau AG Lothringen die Kohlenförderung auf, und 1916 begannen die Chemischen Werke Lothringen mit der Salpeter-Erzeugung, die während des Ersten Weltkrieges besondere Bedeutung erlangte. Dank der Gewerbesteuer der beiden Werke war die Gemeinde Bövinghausen finanziell am besten im Amtsbezirk Rauxel gestellt. Die männliche Bevölkerung fand gute Arbeitsplätze, auch auf der benachbarten Zeche Zollern, die in der Gemeinde Bövinghausen-Lütgendortmund lag. Außer diesen Großbetrieben, gab es eine Dampfmühle (Heinrich Büchter AG) und eine landwirtschaftliche Brennerei(Wilhelm Büchter), die noch besteht. In neuerer Zeit entstand das Kunststoff -Werk Philippine„[ebenda].

In der Zwischenzeit sind zahlreiche Hofstellen (Spierling, Klostermann und Haake) aufgegeben, die überkommene Bausubstanz abgebrochen und durch Ein- und Mehrfamilienhäuser ohne besonderen Gestaltwert ersetzt worden. Eine Ausnahme bildet das Doppel-Wohnhaus Bövinghauser Straße 29 / 31 im Stil der Gartenstadt-Siedlungen im Norden der Stadt Castrop-Rauxel um 1914 (Bauherr: Heinrich Hölling; Verfasser: Ludwig Velleuer, Castrop) [ARCHIV Bauordnungsamt; Bauakte Bövinghauser Straße Hausnummer 29 / 31].

Heute sind jedoch noch die folgenden Höfe erhalten und bezeugen heute die ehemalige Bedeutung für die Kulturlandschaft:
  • Hof und Brennerei, Wilhelm Büchter, Gerther Straße Hausnummer 102 bis 104
  • Hof Tewes, Bövinghauser Straße Hausnummer 21 (Reiterhof)
  • Hof Endemann(ehemals Hof Wischmann bzw. Hof Schulte Bövinghausen), Bövinghauser Straße Hausnummer 23 / 25
  • Hof Tewes(ehemals Hof Edelhof oder Erdelhof), Bövinghauser Straße Hausnummer 39.
Die vier weiteren Höfe, auf dem Gebiet der Stadt Bochum:
  • Hof Uhde(ehemals Hof Hubbert), Bövinghauser Straße Hausnummer 40
  • Hof Hubert(ehemals Klein-Hubbert oder Mittelviefhaus), Bövinghauser Straße Hausnummer 45
sowie auf dem Gebiet der Stadt Dortmund:
  • Hof Cranenhof(auch als “Granenhof„ bezeichnet), Holter Weg Hausnummer 11 / Bövinghauser Straße, und
  • Hof(Bezeichnung nicht bekannt), Bövinghauser Weg Hausnummer 95,
sind zusammen dem ursprünglichen Weiler Bövinghausen zuzurechnen. Diese Höfe stehen von der Entstehungs- und Entwicklungsgeschichte untereinander mit den übrigen Höfen im Stadtgebiet Castrop-Rauxel in Beziehung [HARTUNG, 1974; Übersichtskarte 1826, Seite 40]. Die Mehrzahl der erhaltenen, älteren Wohn- und Wirtschaftsgebäude sind als “Längsdeelenhaus„ (mit dem Tor im Giebel) in Vierständerkonstruktion (mit 3 Längsschiffen) errichtet worden. Demgegenüber sind die - jüngeren - Gebäude mit Quereinfahrt oder Querdeele (mit dem Tor auf der Traufenseite) meist als Binderkonstruktion entstanden (Binder = mehrfach quer zur Längsrichtung eingestelltes Fachwerkgerüst). Diese Bauform ist verschiedentlich bereits bei Scheunengebäuden mit Quereinfahrt verwendet worden. Die Trennung von Wohnen und Wirtschaften seit 1900 ließ Gebäude mit ihren jeweils eigenen konstruktiven Bedingungen entstehen.

Literatur

Hartung, Karl (1967)
Heimatkundliche Karte. (Castrop-Rauxel - Entwicklung einer Stadt im Ruhrgebiet. Geschwister Schmitz.) Castrop-Rauxel.
Hartung, Karl (o.J.)
Die zwölf Bauerschaften in Castrop-Rauxel. (Castrop-Rauxel, Kultur und Heimat; Heimatblätter für Castrop-Rauxel und Umgebung; Ortsverband Castrop-Rauxel des Westfälischen Heimatbundes (Hrsg.). Jahrgang 25, 1973, Heft 3 / 4 und Jahrgang 26, 1974, Heft 1/2.) Castrop-Rauxel.
Jellinghaus, Hermann (1923)
Die westfälischen Ortsnamen nach ihren Grundwörtern. Osnabrück.
Landesvermessungsamt NRW (Hrsg.) (2005)
HistoriKa 25. Historische topographische Karten des heutigen Nordrhein-Westfalen im Wandel der Zeit. Bonn.

Weiler Bövinghauser Straße mit überkommenen Hofstellen im Stadtteil Bövinghausen

Schlagwörter
Fachsicht(en)
Kulturlandschaftspflege
Erfassungsmaßstab
i.d.R. 1:25.000 (kleiner als 1:20.000)
Erfassungsmethode
Auswertung historischer Karten
Historischer Zeitraum
Beginn 1800
Koordinate WGS84
51° 31′ 24,12″ N, 7° 18′ 47,82″ O / 51.52337°, 7.31328°
Koordinate UTM
32U 382984.08 5709376.31
Koordinate Gauss/Krüger
2591189.53 5710690.55

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„Weiler Bövinghauser Straße mit überkommenen Hofstellen im Stadtteil Bövinghausen”. In: KuLaDig, Kultur.Landschaft.Digital. URL: https://www.kuladig.de/Objektansicht/A-P363N504-20091119-0007 (Abgerufen: 24. August 2017)
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