Wohnhaus Anna und Jakob Münster in der Mittelgasse in Zeiskam

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Fachsicht(en): Landeskunde
Gemeinde(n): Zeiskam
Kreis(e): Germersheim
Bundesland: Rheinland-Pfalz
Koordinate WGS84 49° 14′ 0,42″ N: 8° 15′ 0,21″ O 49,23345°N: 8,25006°O
Koordinate UTM 32.445.404,33 m: 5.453.678,41 m
Koordinate Gauss/Krüger 3.445.457,93 m: 5.455.420,94 m
  • Audio in einfacher Sprache zum Wohnhaus von Anna und Jakob Münster in der Mittelgasse in Zeiskam (2025)

    Audio in einfacher Sprache zum Wohnhaus von Anna und Jakob Münster in der Mittelgasse in Zeiskam (2025)

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  • Ausschnitt aus einer Mitteilung zum Verbot der Bibelforscher durch die Nationalsozialisten am 28. Juni 1933

    Ausschnitt aus einer Mitteilung zum Verbot der Bibelforscher durch die Nationalsozialisten am 28. Juni 1933

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  • Titelblatt einer Ausgabe "Der Wachturm" von Juni 1933

    Titelblatt einer Ausgabe "Der Wachturm" von Juni 1933

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In der Mittelgasse in Zeiskam schräg gegenüber vom heutigen Haus Bethanien befand sich das damalige Wohnhaus des Ehepaars Münster mit der Hausnummer 3 ½. Das Haus hat sich nicht erhalten. Der Ausblick auf das Haus Bethanien, den Anna und Wilhelm Münster um 1936 hatten, ist heute noch identisch. Die Geschichte von Anna und Jakob Münster verdeutlicht, wie Unangepasstsein im NS-Staat Repressalien nach sich zog und wie abstrus die Überwachung von Unangepassten durch die Gestapo mitunter war.

Hintergrund
Zwei Stimmen fehlten
Wer nicht wählen geht, ist ein Landesverräter
Engmaschige Überwachung
Der Fremde mit der Hornbrille
Wie es weiterging mit dem Ehepaar Münster
Quellen


Hintergrund
Die Gestapo, Geheimpolizei im nationalsozialistischen Deutschland, war bekannt für ihre brutalen Überwachungs- und Verfolgungsmethoden. Eine Gruppe, die besonders unter der Verfolgung litt, waren die sogenannten „Ernsthaften Bibelforscher“, heute bekannt als Zeugen Jehovas. Die Gestapo überwachte diese Gruppe sehr streng, weil sie sich weigerten, den Nationalsozialismus zu unterstützen und Militärdienst zu leisten. Die Bibelforscher wurden bespitzelt, ihre Treffen observiert und ihre Häuser durchsucht. Viele von ihnen wurden verhaftet und in Gefängnisse und Konzentrationslager gebracht, wo sie oft grausam behandelt wurden. Die Gestapo nutzte verschiedene Methoden, um die Bibelforscher einzuschüchtern und zu bestrafen. Dazu gehörten Verhöre, Folter und die Vernichtung ihrer religiösen Schriften. Trotz dieser schrecklichen Maßnahmen blieben viele Bibelforscher standhaft und weigerten sich, ihre Überzeugungen aufzugeben. So auch Anna und Jakob Münster, die Teil dieser Glaubensgemeinschaft waren.

Zwei Stimmen fehlten
Die Reichstagswahl vom 29. März 1936 sollte den Nationalsozialisten drei Jahre nach der „Machtergreifung“ der Bestätigung ihrer Politik dienen. Sie wollten damit zudem der Besetzung des Rheinlands, die kurz zuvor stattfand und gegen den Versailler Vertrag verstieß, einen Anschein von Rechtmäßigkeit geben. In der NS-Propaganda wurde diese Wahl als „Volksabstimmung“ dargestellt, bei der das Volk seine Unterstützung für die Rheinlandbesetzung zeigen sollte. Tatsächlich war es aber nur eine normale Reichstagswahl. Wie schon bei der vorherigen Wahl im November 1933 war nur die NSDAP als einzige Liste erlaubt. Es war also keine echte Wahl. Offiziell ergab die Reichstagswahl von 1936 eine Zustimmung von 98,8 % für die NSDAP.
Auch in Zeiskam wurde am 29.03.1936 gewählt. Von den etwa 1200 Stimmberechtigten in Zeiskam fehlten zwei Stimmen. Wer dies im Dorf sein konnte, war klar, und so zog am Nachmittag zwischen 5 und 6 Uhr eine Meute zur Mittelgasse 3 ½ vor das Haus von Schreinermeister Wilhelm Münster (geb. 1883 in Zeiskam) und seiner Frau Anna geb. Wiss (geb. 1888 in Knittelsheim). Im März 1933 war die Familie aus der protestantischen Kirche ausgetreten und hielt sich von da an zu den 'Ernsten Bibelforschern'. Die Gemeinschaft der Ernsten Bibelforscher entstand gegen Ende des 19. Jahrhunderts. Daraus entwickelte sich die Religionsgemeinschaft der heutigen Zeugen Jehovas. Sie weigerten sich, die Reichsfahne zu grüßen, den Hitlergruß zu zeigen und am Wehrdienst teilzunehmen. Da sie sich damit außerhalb der Gesellschaft stellten, wurden sie als gefährlich für die „Volksgemeinschaft“ gesehen und bereits 1933 in Deutschland verboten. Viele Zeugen Jehovas wurden verhaftet und kamen in Konzentrationslager, wo man sie mit dem „Lila Winkel“ kennzeichnete. Wegen Wehrkraftzersetzung und Kriegsdienstverweigerung fanden im NS-Staat viele den Tod.
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Wer nicht wählen geht, ist ein Landesverräter
Ein Plakat haben die Zeiskamer Mitbürger den Wahlverweigerern an sein Haus gehängt mit der Aufschrift: „Hier wohnt ein Landesverräter“. Nach Berichten von Zeitzeugen soll zuvor sogar der „Bill“, wie der Büttel und Amtsdiener in Zeiskam hieß und immer die Dorfnachrichten ausrief, mit der Schelle durchs Dorf gegangen sein und die Namen derer verkündet haben, die sich nicht an der Wahl beteiligt hatten. Daraufhin versammelte sich eine Meute auf der Straße und bedrohte den Verweigerer. Münster trat mutig vor sein Haus und „erklärte den sehr erregten Demonstranten, er habe nicht wählen können, weil er es vor seinem Herrgott nicht verantworten könne. Er werde nicht wählen und wenn man ihm den Kopf hacke.“
Dr. Deuschlein vom Bezirksamt Germersheim begründet die nun erfolgten Maßnahmen: „Da den Umständen nach damit zu rechnen war, daß die Demonstranten mit Gewalt gegen Münster vorgehen würden, wurde er ‚zu seiner eigenen Sicherheit' in Schutzhaft genommen. Die Schutzhaft muß bis wenigstens Dienstag, 31.3.36 aufrecht erhalten bleiben, da die Schutzhaftgründe vor diesem Zeitpunkt nicht als beseitigt angesehen werden können.“ Ein Abdruck des Protokolls ging an die Außenstelle Pfalz der Bayerischen politischen Polizei in Ludwigshafen.

Engmaschige Überwachung
Nach der Entlassung aus der zweitägigen Schutzhaft hören wir zunächst mal nichts mehr von der Familie Münster bis es im September 1936 zu einer Untersuchung durch die Gendarmerie-Station Bellheim kommt, deren Ergebnis erneut sowohl an das Bezirksamt Germersheim als auch zur Polizeidirektion in Ludwigshafen weitergeleitet wurde. Münster hatte nämlich keinen Reisepass und war trotzdem vom 4. bis 7. September von zuhause abwesend gewesen. Er hatte bereits in den zehn Tagen davor eine Fahrradtour unternommen, wo man vermutete, dass er seine beiden Söhne, die als Melker in Ammendingen / Allgäu arbeiteten, besuchte. Auf jeden Fall kam in Zeiskam eine Grußkarte von Wilhelm Münster aus Nehhausen-Schaffhausen (Schweiz) an, die auch mit einer Schweizer Briefmarke beklebt war. Bedenken der „Staatsmacht“: Münster könnte an einer Tagung der Internationalen Bibelforscher-Vereinigung vom 4. bis 7. September 1936 in Zürich teilgenommen haben.
Verdächtig war auch, dass das Ehepaar in letzter Zeit fast jeden Sonntag nach Landau oder Speyer fuhren, um dort „ohne Zweifel“ andere Bibelforscher zu besuchen. Dem Bellheimer Hauptwachtmeister wurden gewisse Namen zugetragen, darunter auch der eines Bibelforschers aus Speyer„der schon früher in Zeiskam oder den Nachbarorten Schriften der Bibelforscher ausgetragen haben soll“. Die Speyerer Kriminalpolizei ermittelte. Das Protokoll berichtet dann noch ausführlicher über die „sehr eifrige“ Betätigung des Bibelforschers, die vor dem Verbot auch nach außen hin offensichtlicher war. Durch festgestellte Besuche durch andere Bibelforscher kam es auch zu einer Anzeige an das Sondergericht in Frankenthal, doch „wurde das Verfahren mangels Tatbestandes eingestellt“. Der Speyerer Kriminal-Hauptwachtmeister schließt jedoch mit dem Hinweis: „Die hiesigen Bibelforscher werden weiterhin beobachtet.“
Zu den festgestellten Besuchern in Speyer erfolgten nun in den verschiedenen Wohnorten Nachforschungen zu deren Aktivitäten. Nach Vernehmungen Iggelheimer Bibelforscher stellen die Polizeibeamten fest: „Unter diesen Umständen wurde von einer Festnahme abgesehen, da die Erlassung eines Haftbefehls doch aussichtslos gewesen wäre. Weiteres Beweismaterial konnte nicht erbracht werden.“
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Der Fremde mit der Hornbrille
In Zeiskam wurden aber wegen anderer Ereignisse ermittelt. Es war aufgefallen, dass an mehreren Stellen im Dorf ein dunkelbrauner, viersitziger Pkw mit dem Kennzeichen IV B 51 368 parkte, unter anderem auch „vor dem Hause des ernsten Bibelforschers Wilhelm Münster“, wie man der Bellheimer Polizeistation meldete. Der Fahrer sei eine „gut gekleidete, etwa 40-50 Jahre alte Mannsperson“ gewesen, ca. 1,70 m groß und mit starker Statur und Träger einer Hornbrille. Angeblich hätte sich diese Person etwa eine halbe Stunde in Münsters Wohnung aufgehalten. Anschließend habe sich der Fahrer mit seinem Wagen zur Wohnung des arbeitslosen Bäckers Otto Bennewitz begeben. Bennewitz, der „auch als Anhänger der Ernsten Bibelforscher bekannt ist“, wohnte im Hause des Gastwirts Zimpelmann , so dass der Fremde eventuell auch in der Wirtschaft gewesen sein könnte.

Man stellte fest, dass dieses Auto einem in Karlsruhe wohnenden Heinrich Metzinger gehört. Die Staatspolizeistelle der Gestapo Karlsruhe erfuhr bei seiner Vernehmung, dass er am besagten 14. November 1936 tatsächlich in Zeiskam war, aber als langjähriger Vertreter der Malzkaffeefabrik Kathreiner in Berlin. Er war im Jahr 1936 bereits drei Mal in Zeiskam gewesen und hatte dort die verschiedenen Kolonialwarengeschäfte aufgesucht und auch dieses Mal an drei verschiedenen Stellen seinen Wagen abgestellt. Der Verdächtige beteuerte: „Privatpersonen habe ich nicht aufgesucht, ich ging auch nicht in eine Wirtschaft. Eine Familie Münster und eine Familie Benewitz kenne ich nicht … Mit der Internationalen Vereinigung Ernster Bibelforscher habe ich nichts zu tun; ich weiss auch nicht, wer zu dieser Vereinigung gehört. Ich gehöre der kath. Kirche an und bin ein Gegner der Sekten.“ Es konnte somit dem Ehepaar Münster kein weiteres „staatsfeindliches“ Vergehen nachgewiesen werden, doch die Gestapo blieb an den religiösen Außenseitern dran. Im April 1938 wurde aufgrund eines Berichts der Gendarmerie Zeiskam festgestellt, dass Münster inzwischen „Anhänger der Sekte 'Möttlinger Gemeinde' in Zeiskam sei. Doch sei deshalb “weiteres nicht zu veranlassen„. Wilhelm Münster wurde weiterhin in der Gestapo-Hauptkartei und in einer Personen-Akte geführt. Allerdings finden sich nun keine weiteren Einträge mehr in den Unterlagen.
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Wie es weiterging mit dem Ehepaar Münster
Das Ehepaar Münster hatte Glück und überlebte die NS-Zeit ohne weiter behelligt zu werden in Zeiskam. Viele andere Personen ihrer Glaubensrichtung hatten nicht so viel Glück und starben in den Konzentrationslagern. Jakob Wilhelm Münster arbeitete als Schreinermeister in seiner Schreinerwerkstatt in der Mittelgasse bis zur Übergabe an einen anderen Zeiskamer Schreinermeister Hans Humbert. Er starb 1965 in Zeiskam. Anna Maria Münster, geb. Wiss, starb leider schon 10 Jahre vor ihrem Ehemann im Jahre 1955. Über die beiden Söhne liegen nur Angaben aus dem Jahre 1936 vor. Heinrich (geb. 1907) und Alfred (geb. 1918) arbeiteten im Jahre 1936 als Melker im Allgäu. Über das weitere Leben der beiden ist nichts bekannt.

(Hartwig Humbert, Zeiskam, 2025)


Quellen
  • Alle Angaben stammen aus der Akte der Gestapo, Landesarchiv Speyer, Bestand H 91 Nr. 6486.
  • Bericht der Bellheimer Polizeiwache 1936, S. 1 u. 2.
  • Schutzhaftbefehl J. Münster.
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Literatur

Humbert, Hartwig (2022)
Im Konflikt mit dem Staat: Justizverfahren und Lebensbilder Zeiskamer Bürger in der Zeit des Nationalsozialismus. Ein Quellenlesebuch. Zeiskam.

Wohnhaus Anna und Jakob Münster in der Mittelgasse in Zeiskam

Schlagwörter
Straße / Hausnummer
Mittelgasse 3 1/3
Ort
67378 Zeiskam
Fachsicht(en)
Landeskunde
Erfassungsmaßstab
i.d.R. 1:5.000 (größer als 1:20.000)
Erfassungsmethode
Auswertung historischer Fotos, Literaturauswertung, mündliche Hinweise Ortsansässiger, Ortskundiger

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Hartwig Humbert (2025): „Wohnhaus Anna und Jakob Münster in der Mittelgasse in Zeiskam”. In: KuLaDig, Kultur.Landschaft.Digital. URL: https://www.kuladig.de/Objektansicht/KLD-356676 (Abgerufen: 9. Februar 2026)
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